Einen Tag vor dem Nato-Gipfel in Ankara hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew erneut massiv mit Raketen und Drohnen angegriffen. Dabei wurden nach jüngsten Behördenangaben in der Nacht zum Montag mindestens 22 Menschen in der Region Kiew getötet und dutzende weitere verletzt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte eine entschlossene Unterstützung seines Landes durch die Nato. Deren Generalsekretär Mark Rutte pochte ebenfalls auf zusätzliche Mittel für die ukrainische Luftverteidigung.
Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte griff die russische Armee die Region Kiew mit 68 Raketen und 351 Drohnen an. 15 Menschen wurden nach Behördenangaben im Kiewer Stadtgebiet getötet, sieben weitere im Vorort Wyschnewe. Den ukrainischen Behörden zufolge wurden zudem rund 60 Menschen verletzt.
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP hörten zahlreiche Explosionen. Laut Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko war die Luftabwehr im Einsatz. Etwa 30 Wohngebäude wurden den Behördenangaben zufolge getroffen, bei einem mehrstöckigen Wohnhaus wurden die oberen Etagen weggerissen.
Nach Angaben des Kiewer Militärverwaltungschefs Tymur Tkatschenko gerieten infolge der russischen Angriffswelle mindestens vier Wohngebäude in Brand. Noch Stunden nach dem Angriff suchten Einsatzkräfte in den Trümmern nach möglichen Verschütteten.
In Wyschnewe wurden Bewohner wegen möglicherweise nicht detonierter Munition in Sicherheit gebracht. Im Kiewer Bezirk Podilsky berichtete ein Anwohner, gegen 01.30 Uhr Ortszeit habe es einen "mächtigen" Angriff in mehreren Wellen gegeben. Sämtliche Fensterscheiben eines Hauses seien durch die Wucht der Detonation zersplittert und herausgefallen.
Insgesamt schoss die Luftabwehr nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 326 Drohnen und 37 Raketen ab. Selenskyj erklärte jedoch, seinen Streitkräften stünden nicht genug Abfangraketen zur Verfügung, um russische ballistische Raketen zu zerstören.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Armee habe einen "schweren Angriff" mit Raketen und Drohnen ausgeführt. Ziel seien "militärindustrielle Unternehmen" sowie Energie- und Kraftstoffanlagen in mehreren Regionen der Ukraine gewesen.
Es handelte sich bereits um den zweiten massiven russischen Angriff auf Kiew binnen wenigen Tagen. Erst am Donnerstag waren mehr als 30 Menschen bei einem Angriff auf die ukrainische Hauptstadt getötet worden.
Vor dem am Dienstag beginnenden Nato-Gipfel rief Selenskyj die Verbündeten auf, in Ankara "starke Entscheidungen" zur Unterstützung seines Landes zu treffen. "Allen voran" die USA und die Europäer sollten bei dem Gipfel Beschlüsse zur weiteren Unterstützung der ukrainischen Luftverteidigung fassen, forderte er.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte im Onlinedienst X, die Ukraine brauche "dringend mehr Luftverteidigung". Zudem müsse der Druck auf Moskau steigen, "bis Russland das Blutbad beendet". Nato-Generalsekretär Rutte forderte die Bündnisstaaten auf, die Ukraine "insbesondere bei der Luftverteidigung" weiter zu unterstützen.
Zu dem zweitägigen Gipfel in der türkischen Hauptstadt werden die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Staaten erwartet, darunter US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Eines der wichtigsten Themen ist die Unterstützung der Ukraine.
Eine Sprecherin des Weißen Hauses kündigte für Mittwoch ein Treffen zwischen Trump und Selenskyj am Rande des Gipfels an. Dabei soll es nach Angaben eines ranghohen US-Regierungsvertreters um Möglichkeiten zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine gehen. Im Anschluss werde sich Trump mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin austauschen. Trump hatte am Samstag sowohl mit Putin als auch mit Selenskyj telefoniert.
Die von den USA vermittelten Gespräche zur Beendigung des Ukraine-Kriegs waren in den vergangenen Monaten durch den Iran-Krieg in den Hintergrund geraten. Trump und Selenskyj waren zuletzt im Juni beim G7-Gipfel in Frankreich zusammengetroffen. Dort hatten sich die Staats- und Regierungschefs von sieben großen Industrieländern auf verstärkten Druck auf Russland verständigt.
Russland überzieht die Ukraine seit Beginn seines Angriffskriegs vor fast viereinhalb Jahren mit Raketen- und Drohnenangriffen. Zuletzt hatte die ukrainische Armee ihre Gegenangriffe auf Russland verstärkt und dabei Raffinerien und Öllager ins Visier genommen, was zu Treibstoffengpässen im Land führte.
Die russische Armee teilte mit, sie habe in der Nacht zum Montag 613 von insgesamt 626 ukrainischen Drohnen über mehreren Regionen sowie der Halbinsel Krim abgefangen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach im staatlich unterstützten Messengerdienst Max von mehreren abgefangenen Drohnenwellen, die auf die russische Hauptstadt zugesteuert hätten.
Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim wurde nach Behördenangaben eine Frau bei einem ukrainischen Drohnenangriff getötet. Zwei weitere Menschen seien verletzt worden. In der Stadt Sewastopol auf der Krim fiel vorübergehend der Strom aus.
Q.Martens--LCdB