Verheerende Sturzflut: Mehr als 1300 Menschen in Nepal und Tibet vermisst / Foto: Prabin RANABHAT - AFP
Nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya wird in Nepal und Tibet nach mehr als 1300 Vermissten gesucht: Die Katastrophe, die nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS wohl durch einen Gletscherabbruch am Mittwoch ausgelöst worden war, zerstörte ganze Ortschaften. Bis Donnerstag wurden auf beiden Seiten der Grenze insgesamt 165 Tote geborgen. Unter den Vermissten sind nach offiziellen Angaben hunderte ausländische Touristen.
Die USGS hatte am Mittwochmorgen zunächst ein Erdbeben der Stärke 4,4 nahe der Grenze gemeldet. Am Donnerstag erklärte sie dann, in der Grenzregion habe sich am Mittwoch um 08.37 Uhr Ortszeit "ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet". Weitere Analysen hätten ergeben, dass es dabei nicht um ein Erdbeben gehandelt habe, sondern um einen Gletscherabbruch mit anschließender Eis- und Gerölllawine und "katastrophalen Folgen".
Auch das Internationale Zentrum für integrierte Bergentwicklung (Icimod) in Kathmandu geht davon aus, dass eine Lawine aus Eis und Geröll von einem Gletscher die Sturzflut auslöste. Die Lawine habe erst den Fluss Lhende blockiert und dann die gigantische Flutwelle freigesetzt, sagte der Icimod-Experte Saswata Sanyal.
In von der Nachrichtenagentur AFP verifizierten Aufnahmen einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie mehrstöckige Gebäude, Fahrzeuge und fliehende Menschen von der Flutwelle überrollt und mitgerissen werden. In Nepal wurden nach Polizeiangaben inzwischen 162 Tote geborgen. In China liegt die Zahl der Toten bisher bei drei.
In Nepal machten die Behörden am Donnerstag erstmals Angaben zur Gesamtzahl der Vermissten, die der Katastrophenschutzbehörde zufolge am Donnerstag bei 823 lag. In China meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua 558 Vermisste in Tibet. Damit hat sich die dortige Zahl seit dem Vortag mehr als verdoppelt: Am Mittwochabend hatten Chinas Behörden noch von 265 Vermissten in Tibet gesprochen.
Rettungskräfte wateten durch Wasser, Matsch und Geröll, um in überfluteten Gebäude nach Überlebenden zu suchen. Die Sturzflut traf unter anderem die Ortschaft Syabrubesi in Nepal, die der Ausgangspunkt beliebter Trekking-Routen ist. Nach Angaben der nepalesischen Katastrophenschutzbehörde sind unter den Vermissten mindestens mindestens 579 Touristen aus dem In- und Ausland. Ein Sprecher des Tourismusministeriums hatte zuvor von mindestens 393 Ausländern unter Vermissten gesprochen. In China berichtete der Staatssender CCTV, unter den 558 Vermissten in Tibet seien 260 Ausländer.
Unter den Vermissten ist nach Angaben des US-Tourveranstalters Himalayan Glacier auch eine ganze Reisegruppe. Firmenchef Sanket Pandey sagte, es handele sich um 15 Australier, zehn Kanadier, neun Nepalesen, acht US-Bürger, zwei Briten, zwei Singapurer und einen Menschen mit der US- und der russischen Staatsangehörigkeit. "Derzeit werden sie noch vermisst". Seine Team überprüfe die Krankenhäuser, in die Opfer der Katastrophe eingeliefert würden.
Wie Australiens Premierminister Anthony Albanese am Donnerstag bekanntgab, werden insgesamt 34 Australier vermisst. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin verlautete, es habe derzeit "keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen". Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kathmandu stünden mit den örtlichen Behörden "im engen Kontakt".
Die Schlamm- und Geröllawine habe sich "wie ein Tsunami" fast 170 Kilometer durch das Bhote-Koshi-Flusstal bis ins Landesinnere ergossen, sagte die Umwelt-Historikerin Ruth Gamble von der La Trobe University. Die Strecke sei sehr beliebt bei Touristen, "die von Kathmandu nach Lhasa reisen".
Ganze Dörfer seien "ausgelöscht worden", sagte der Leiter der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung in Nepal, David Fisher. Seine Organisation stelle Hilfsgüter wie Decken, Erste-Hilfe-Sets, Tragen und Leichensäcke bereit.
In Tibet mobilisierten die Behörden den Staatsmedien zufolge 800 Rettungskräfte sowie 150 Fahrzeuge, Boote und Spürhunde. Die nepalesische Armee war auch mit Flugzeugen im Einsatz, um Menschen aus dem Katastrophengebiet zu retten.
H.Vermeulen--LCdB